Erzbistum Köln veröffentlicht Missbrauchszahlen

Köln. Im Erzbistum Köln hat es über einen Zeitraum von 70 Jahren 135 Betroffene sexualisierter Gewalt gegeben. Das berichtete Generalvikar Dr. Markus Hofmann heute im Rahmen einer Pressekonferenz in Köln aus Anlass der Veröffentlichung der nationalen MHG-Studie der Deutschen Bischofskonferenz.

Der Generalvikar teilte mit, gemäß der von den Forschern vorgegebenen Kriterien seien 2.155 Personalakten von Diözesanpriestern, Diakonen und Ordenspriestern durchgesehen worden. Das Erzbistum Köln hat 87 Personen an die Forscher gemeldet, die seit 1946 der sexualisierten Gewalt in insgesamt 119 Fällen beschuldigt wurden. Die Zahl der gemeldeten Beschuldigten entspricht 4 Prozent der durchgesehenen Akten.

Von den 87 Beschuldigten sind 40 bereits verstorben, 33 lebten bereits bei Eingang der Meldung nicht mehr. Bei den 54 Personen, die bei Eingang der Meldung noch lebten, hat es in 21 Fällen Maßnahmen oder Sanktionen gegeben. Diese reichten von der Frühpensionierung über das Verbot der Ausübung des priesterlichen Dienstes bis hin zum Ausschluss aus dem Klerikerstand. Darüber hinaus wurde den Beschuldigten die Verpflichtung auferlegt, sich an den Kosten für Therapien zu beteiligen oder eine andere finanzielle Beteiligung zu leisten.

In den 33 Fällen, bei denen es zu keinen Maßnahmen oder Sanktionen kam, haben die damaligen Untersuchungen in 2 Fällen die Unschuld des Beschuldigten erwiesen. In 27 Fällen ergab sich kein konkreter Tatnachweis. 4 Meldungen erfolgten anonym, sodass eine abschließende Klärung nicht möglich war.

Entsprechend der Verfahrensrichtlinie der Deutschen Bischofskonferenz hat das Erzbistum Köln seit 2011 an 100 Betroffene von sexualisierter Gewalt, die einen Antrag gestellt haben, Anerkennungsleistungen von insgesamt 620.635,- Euro ausgezahlt. Therapiekosten wurden für 22 Personen in Höhe von rund 150.804,- Euro übernommen (jeweils Stand 31.05.2018).

Generalvikar Dr. Markus Hofmann zeigte sich von den Untersuchungsergebnissen tief betroffen: „Die Zahlen sind erschütternd. Wir werden in Köln alle gemeldeten Fälle erneut überprüfen, um herauszufinden, an welchen Stellen wir als Erzbistum falsch gehandelt haben. Außerdem werden wir an den umfangreichen Präventionsmaßnahmen festhalten und diese noch weiterentwickeln.“

Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki hatte schon am vergangenen Wochenende eine eigene Untersuchung durch eine externe Einrichtung angekündigt. Diese solle Versäumnisse der Vergangenheit unabhängig, umfassend und schonungslos aufarbeiten. Außerdem kündigte Kardinal Woelki an, einen eigenen Betroffenenbeirat zu gründen und sich zudem mit Betroffenen persönlich treffen zu wollen.

An der Pressekonferenz in Köln nahmen neben Generalvikar Dr. Markus Hofmann auch die Präventionsbeauftragte des Erzbistums, Manuela Röttgen, der Interventionsbeauftragte des Erzbistums, Oliver Vogt, und Pfarrer Christian Ott, Dozent für Pastoralpsychologie am Kölner Priesterseminar, teil. Sie informierten über die vielfältigen Maßnahmen, die das Erzbistum seit 2010 zur Vermeidung von sexueller Gewalt ergriffen hat.

Dazu erklärte Oliver Vogt, der Interventionsbeauftragte des Erzbistums: „Seit dem Jahr 2010 hat sich der Umgang mit gemeldeten Vorfällen deutlich verbessert. So ist die Einschaltung der Staatsanwaltschaft in allen Vorfällen seitdem obligatorisch. Mit der Einrichtung einer eigenen Stabsstelle Intervention im Erzbistum Köln wurden außerdem klar festgelegte und standardisierte Abläufe etabliert.“

Für die nationale MHG-Missbrauchsstudie wurden von der Deutschen Bischofskonferenz im Jahr 2014 nach einer offenen Ausschreibung drei externe Institute aus Mannheim, Heidelberg und Gießen mit der Aufarbeitung von Fällen sexueller Gewalt in der Kirche im Zeitraum zwischen 1946 und 2015 beauftragt.

Die Studie hat alle Meldungen zu Vorfällen von sexualisierter Gewalt erfasst. Die erhobenen Beschuldigungen umfassen sowohl strafrechtlich relevante Vorwürfe (etwa schweren sexuellen Missbrauch) als auch Grenzüberschreitungen oder Grenzverletzungen unterhalb der Strafbarkeitsgrenze (etwa unangemessene Berührungen oder unangemessenen Schriftverkehr).

Für die Erhebung war es nicht von Bedeutung, ob es sich um eine nachgewiesene Tat mit einem verurteilten Täter handelte oder um eine Beschuldigung, die nicht endgültig geklärt werden konnte (Aussage gegen Aussage). Ebenfalls erfasst wurden Verfahren, welche mit einem Freispruch (wegen erwiesener Falschbeschuldigung) endeten. Aus diesem Grund spricht die Studie generell von „Beschuldigten“. (pek180205-vdb)

Kardinal Woelki: "Die Kirche selbst muss Buße tun"

Wort des Bischofs vom 14. September 2018

"Vertreter der Kirche haben Menschen schwersten Schaden zugefügt. Es gibt hier nichts zu beschönigen: Verantwortlich waren Seelsorger, Gott geweihte Menschen, die versprochen haben, Ihr Leben in den Dienst am Nächsten zu stellen. Wer sich aber als Diener Gottes an Menschen schuldig gemacht hat, der hat diese Aufgabe ins Gegenteil verkehrt – ja: pervertiert!

Ich bin persönlich zutiefst getroffen, und ich schäme mich an dieser Stelle für meine Kirche."

Kardinal Woelki: "Worten müssen Taten folgen"

Wort des Bischofs vom 21. September 2018

"Am Dienstag werden in Fulda die Ergebnisse der Missbrauchsstudie präsentiert. Sie sind beschämend.

Ich werde halten, was ich in der vergangenen Woche zugesagt habe: Unser Kölner Erzbistum wird sich der Wahrheit stellen - auch dann, wenn diese schmerzlich ist. Und dazu gehört es, ungeschönt und ohne falsche Rücksichten aufzuklären. Das wird wahrscheinlich sehr schmerzhaft – auch für uns selbst. Aber Taten sprechen lauter als Worte."

Kardinal Woelki: "Der Stimme Gottes folgen"

Wort des Bischofs vom 28. September

"Wir haben in dieser Woche Nachrichten präsentiert bekommen, die mich und sicher auch viele von Ihnen erschüttert haben. Auf der Herbstvollversammlung haben wir Bischöfe miteinander beraten über die vielen Missbrauchsfälle in eigenen Reihen über einen Zeitraum von 70 Jahren: Erschreckende Zahlen. Viele haben schnell Maßnahmen gefordert in alle möglichen Richtungen."

Proclamandum zu ersten Konsequenzen aus der MHG-Studie

Köln, 4. Oktober 2018

Liebe Schwestern und Brüder,

die Veröffentlichung der im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz erstellten Missbrauchsstudie in der vorigen Woche hat zutiefst erschreckende Erkenntnisse zutage gefördert. Geistliche haben Minderjährigen großen Schaden zugefügt und damit schwere Schuld auf sich und auf die gesamte Kirche geladen, die dann selbst auch noch viel zu oft das Wohl der Institution über das Wohl des Einzelnen stellte.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber mich haben diese Ergebnisse schwer erschüttert. Mit diesem Wissen fällt es mir nicht leicht, Betroffenen gegenüber zu treten. Allenfalls anfanghaft vermag ich zu erahnen, welch großes Leid ihnen durch Diener der Kirche angetan und wieviel Schmerz ihnen zugefügt worden ist. Nicht zuletzt deshalb frage ich mich immer wieder neu, was ich, was wir als Kirche tun können, um Betroffenen zu helfen. Was können wir als Kirche tun, damit die Leidtragenden vielleicht einmal erwägen, zu verzeihen?

Angesichts all dessen kann und will ich nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Vielmehr bedarf es konkreter Taten der Aufarbeitung. Als Erzbischof fühle ich mich besonders verpflichtet, dafür Sorge zu tragen.

Es ist mir wichtig, dass sich unser Kölner Erzbistum dieser Wahrheit stellt – auch wenn sie schmerzlich ist. Es ist spätestens jetzt nötig, die Betroffenen zu hören, ihre Erfahrungen ernst zu nehmen und in unser künftiges Handeln deutlich stärker als bisher miteinzubeziehen.

In den kommenden Wochen werde ich daher einen Betroffenenbeirat einrichten und weiter die Begegnung mit Betroffenen suchen.

Zudem müssen alle Beschuldigungen ungeschönt und ohne falsche Rücksichten aufgeklärt werden. Dazu werde ich externe, unabhängige Fachleute mit einer Untersuchung beauftragen, die frei von einer möglichen kirchlichen Beeinflussung unser eigenes, institutionelles Verhalten auf mögliche Versäumnisse oder Versagen in der Vergangenheit hin prüfen werden.

Diese Seite der Aufklärung bedarf einer Ergänzung durch eine erneute, bewusste Hinwendung zu Gott durch das Gebet für die Betroffenen und unser ganzes Erzbistum. Gott kann auch da Heilung- und Zukunft schenken, wo unsere Möglichkeiten begrenzt oder unzureichend sind. Er ist größer als das Versagen in seiner Kirche und er wird gerade denen, die von ungerechter Gewalt betroffen sind, Gerechtigkeit verschaffen. Dabei will ich als Erzbischof durch Gebet und konkrete Taten mitarbeiten.

Dankbar bin ich für Ihr mitsorgendes Gebet und Ihre Achtsamkeit im respektvollen Umgang miteinander.

Es segne und stärke Sie und alle, für die wir Verantwortung tragen, der allmächtige und barmherzige Gott: der Vater und der Sohn und der Heilige Geist.

Ihr
Rainer Maria Kardinal Woelki
Erzbischof von Köln

Präventionsbeauftragte Röttgen über „Kultur der Achtsamkeit“

Manuela Röttgen, Präventionsbeauftragte des Erzbistums Köln, im Interview

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